Die Synagoge (Rezension)

Die Synagoge Beitragsbild

Anekdotische Einblicke in das jüdische Leben im Nizza der 80er Jahre

In Die Synagoge von Joann Sfar bekommen wir anekdotisch erzählte Einblicke in die Jugend des Autors in den 80er Jahren in Nizza. Dabei ist die Erzählung von Sfars jüdischer Sozialisation geprägt. Trotz der großen Bedrohungslage für jüdische Menschen erlebt Sfar eine erstaunlich friedliche Jugend, in der er regelmäßig mit jüdischen Traditionen hadert. Der Avant-Verlag bietet dieses besondere Werk in deutscher Übersetzung an.

Im Sicherheitsdienst um den Gottesdienst zu schwänzen

Joann Sfar wächst jüdisch sozialisiert im Nizza der 80er Jahre auf. Mit den Gottesdiensten in der Synagoge hadert Sfar schon seit frühsten Kindertagen. Als Kind hat er sogar Angst vor den Gottesdiensten, weil ihn die Lautstärke der Gesänge abschreckt. Um dem Besuch der Gottesdienste zu entgehen, meldet Sfar sich freiwillig für den Sicherheitsdienst. Im Anhang der Erzählung listet Sfar die Anschläge und antisemitischen Handlungen, mit denen Juden seit den 80er Jahren konfrontiert waren, auf. Die Notwendigkeit eines selbst organisierten Sicherheitsdienstes bedarf also kaum weiterer Erklärungen. Für Sfar bedeutet das aber vor allem, dass er außerhalb der Synagoge für Sicherheit sorgt, während drinnen der Gottesdienst gefeiert wird. Dabei wurde Sfar nie mit Gewalt konfrontiert. Er kommt im Laufe seiner Biografie zur Erkenntnis: Das Böse sieht meistens erschreckend normal aus. Beamten, Lehrer, Handwerker – all diese profanen Gestalten können faschistoide Bestrebungen befeuern. Oder wie Hannah Arendt es nennen würde: Die Banalität des Bösen.

Pubertät als Zerreißprobe

So richtig bei der Sache ist Sfar in seiner Tätigkeit als Sicherheitsmensch aber nicht. Er interessiert sich viel mehr für das Zeichnen und die Querelen der Jugend fordern ganz andere Kapazitäten. So hegt er zum Beispiel heimlich Gefühle für seine Kampfsportlehrerin und lässt sich nur allzu gern von ihr auf die Matte legen. Das Kabelfernsehen seiner Großeltern mit dem speziellen nächtlichen Programm nutzt Sfar, wenn seine Großeltern zu Bett gegangen sind, regelmäßig zur Selbsterkundung. All diese Geschichten erzählt Sfar mit einer unnachahmlichen Leichtigkeit und Selbstironie. Was für eine erfrischende Lektüre!

Krakelige Zeichnungen mit Charme

Passend zum Witz und der Selbstironie der Anekdoten, bedient sich Sfar eines sehr krakeligen und unkonventionellen Stils. Dabei sind die Bilder jedoch immer gut lesbar und der Stil bleibt kohärent. Die Zeichnungen Sfars versprühen einen erfrischenden Charme und zeugen von großer Leichtigkeit. Das macht große Freude!

Unterhaltung und Tiefgang

Die Synagoge bietet viele unterhaltsame Anekdoten und trotzdem auch immer wieder Tiefgang. Sfar skizziert des Öfteren die politischen Gegebenheiten im Frankreich der 80er Jahre und im Speziellen in Nizza. Obwohl er selbst nie Zeuge von Gewalt gegen Juden wird, spürt man die Anspannung in seiner Gemeinde. Das jüdische Leben in den 80er Jahren war offensichtlich von der Erwartung des nächsten Terroranschlags geprägt. In dieser Gemengelage wächst Sfar auf und ist mit pubertären Wirrungen konfrontiert, die ihn nur allzu oft zerreißen. Die Einblicke in Sfars Identitätskrise sind sehr interessant und werden trotzdem stets mit Leichtigkeit präsentiert. Sfar at it’s best also! Klare Empfehlung!

Die Synagoge

Text & Zeichnung: Joann Sfar

Veröffentlichung: Oktober 2023

208 Seiten, vierfarbig

21 x 28 cm, Hardcover

ISBN: 978-3-96445-102-6

30,00 €

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