Silent Jenny (Rezension)
Eine neue dystopische Zukunftsvision vom französischen Ausnahmekünstler Mathieu Bablet
Mathieu Bablet ist bekannte für seine innovativen und unkonventionellen Sci-Fi-Comics. Mit Shangri-La und Carbon & Silizium konnte er bereits die Herzen der Comic-Fans erobern. Mit Silent Jenny holt ich der Splitter Verlag nun auch den neuesten Streich des Ausnahmekünstlers in sein Portfolio. Kann der neue Band mit seinen Vorgängern mithalten?
Eine Welt ohne Bestäuber
In einer fernen Zukunft sind die bestäubenden Insekten nach massiven klimatischen Umwälzungen ausgestorben. Mit ihnen ist ein großer Teil der Pflanzenwelt verschwunden. Die Menschheit hat sich aufgeteilt. Ein Teil lebt in den Städten unter der Aufsicht des mächtigen Konzerns Pyrrhocorp, der andere zieht als Nomaden in motorisierten Dorf-Schiffen durch die verödeten Landschaften, die sich wie stählerne Kathedralen über die Wüsten schieben. Auf einem dieser Dorf-Schiffe, der Sonnenanbeter, lebt Jenny. Als Biologin im Dienst von Pyrrhocorp sucht sie nach den letzten genetischen Spuren von Bienen, um die Welt von früher zurückzuholen. Doch Jenny findet ihren Platz in der kleinen, abgeschlossenen Gemeinschaft an Bord nicht so recht. Ob ihr Vertrauen in den Konzern wirklich gerechtfertigt ist, wird sich erst noch zeigen müssen…
Mehr als eine Ökodystopie
Die Grundidee von Silent Jenny ist erschreckend nah an unserer Gegenwart. Das Insektensterben ist längst keine reine Science-Fiction mehr, und Bablet nutzt dieses Szenario, um wie schon in seinen früheren Werken die großen Fragen der Menschheit zu adressieren. Diesmal geht es um Hoffnung und darum, welchen Sinn wir unserem Leben in einer kaputten Welt geben. Spannend ist dabei, dass weniger Jenny selbst als die Gemeinschaft auf der Sonnenanbeter zum eigentlichen Protagonisten wird. Wie organisiert man sich ohne Hierarchien? Was bedeutet Familie, wenn alles im Wandel ist? Bablet spielt hier mit dezentralen Gesellschaftsmodellen und stellt sie dem Konzernstaat von Pyrrhocorp gegenüber. Spannende Gedankenexperimente in Zeiten, in denen kommunitaristische Vorstellungen von Gesellschaft wieder auf dem Vormarsch sind.



Bildgewaltige Comickunst
Zeichnerisch ist Silent Jenny das, was man von Bablet erwarten darf – ein Fest für die Augen. Seine Stärke liegt seit jeher in detailverliebten Architekturen und weiten, verlassenen Landschaften, und davon gibt es hier reichlich. Die motorisierten Dorf-Schiffe sind wahre Wunderwerke aus Metall, Rost und improvisierter Technik, die man stundenlang betrachten möchte. Hier spart Bablet nicht an Details, wie gespannten Wäscheleinen, Fahnen und Sonnenschirmen, die den stählernen Ungetümen Leben einhauchen. Dazu kommen zahlreiche Doppelseiten, die einen regelrecht in die Leere dieser Welt ziehen. Die Farbgebung unterstützt die Erzählung gekonnt. Staubige Ocker- und Grautöne dominieren das Bild, während seltene Grün- und Blautöne wie kleine Hoffnungsschimmer wirken. Besonders gelungen sind die stillen Sequenzen ohne Text, in denen Bablet allein die Bilder sprechen lässt, was dem Titel natürlich alle Ehre macht.

Silent Jenny
ISBN: 978-3-96792-335-3
Erschienen am: 27.08.2026
Szenario Mathieu Bablet
Zeichnung Mathieu Bablet
Übersetzg. Christiane Sixtus
Einband Hardcover
Seitenzahl 312
Band 1 von 1